Im Interview berichtet Ansgar Oberholz über die Gründung des St. Oberholz, worum es bei einem Coworking Space geht und wie sich Coworking entwickelt.


Seit nun mehr über zwölf Jahren gibt es das St. Oberholz am Rosenthaler Platz. Inzwischen ist das Café eine feste Institution in der Gastronomie- und Kulturszene der deutschen Hauptstadt. Wie revolutionär das Konzept eines Cafés, in dem man auch arbeiten durfte, im Sommer 2005 war, lässt sich heutzutage kaum verstehen.

Das Gründerpaar Koulla Louca und Ansgar Oberholz brachen gleich mehrere damals vorherrschende Konventionen in der Gastronomie, als sie beispielsweise lange Tische aufstellten, an denen Menschen gezwungen waren mit anderen Menschen zusammenzusitzen, und sie kostenlos den Zugang zu Strom und WiFi anboten.

Spannend ist, dass Menschen auf der ganzen Welt, unabhängig voneinander, nahezu zeitgleich die gleiche Idee hatten. Vor allem in den Sommermonaten 2005. Daher kann auch nicht von einem Hype die Rede sein. Orte wie das St. Oberholz entstanden damals in Kopenhagen, San Francisco, und anderswo.

Anstatt einer Abhandlung über die Geschichte des St. Oberholz, möchte ich Euch an dieser Stelle ein Interview mit Ansgar Oberholz zum Lesen geben. Esr erzählt von der Gründungsgeschichte, unserer Philosophie, wie wir im St. Oberholz Coworking verstehen und wohin sich Coworking entwickeln könnte. Viel Spaß beim lesen!


Wann hast du eigentlich das erste Mal den Begriff Coworking gehört?

Als wir Ende 2004 das Konzept für das ehemalige Burger King am Rosenthaler Platz erarbeiteten, gab es den Begriff Coworking noch nicht. Ich kann nicht ganz genau sagen, wann und wo ich den Begriff Coworking zum ersten Mal gehört habe, aber ich meine, er fiel in einem Gespräch mit Christoph Fahle, dem Gründer vom betahaus, als er mir 2007 das Konzept erklärte und wir darüber diskutierten. Bis vor kurzem noch musste ich den Begriff fast jedes Mal, wenn ich ihn verwand, kurz erklären, das ändert sich seit ungefähr zwei Jahren stetig und mündete jüngst darin, dass das Wort Coworking es als Buzzword in die Marketingmaschine geschafft hat.

Wieso war das Thema Arbeiten ein wesentlicher Teil des Café-Konzeptes?

St. Oberholz

St. Oberholz, © 2016

Meine Frau Koulla Louca und ich wollten an diesem historischen Ort ein ganz neues, urbanes Café-Konzept aufbauen. Etwas, das es so noch nie gab und das dem Erfinder- und Innovationsgeist der Aschinger-Brüder, die das Haus am Rosenthaler Platz 1898 erbauten und hier ihre neunte Bierquelle betrieben hatten, gerecht wurde. Daher war für uns das Arbeiten im Café und damit Stromversorgung und Wifi wichtig, aber auch viele verschiedene Sitzmöglichkeiten, für Meetings, für inspirierende Blicke über den Platz. Für uns war es von Anfang an auch ein Experiment, wie das Konzept angenommen würde und was die Gäste damit anstellen würden.

Wie reagierten die Gäste zum Anfang darauf, dass andere da auch arbeiteten?

Innerhalb kurzer Zeit gab es kaum noch Gäste, die nicht zum Arbeiten kamen, und die damit also keinen Laptop auf dem Tisch stehen hatten. Obwohl es damals wie heute auch Gäste gab, die analog bei uns arbeiten. Der Anblick der arbeitenden Menschen polarisierte in den ersten Jahren ungemein. Es gab regelrechte Anfeindungen und wütende Reaktionen, die meiner Meinung nach vor allem auf Neid basierten. Unsere Gäste wirkten bei ihrer Arbeit offensichtlich fröhlicher und hatten auch noch einen besseren Kaffee als man selber im Büro. Als ich merkte, dass wir mit dem Konzept und dass unsere Gäste polarisieren, freute ich mich, da ich wusste, die Idee geht auf!

Wann und warum wurde aus dem St. Oberholz auch noch ein Coworking Space?

2009 eröffneten wir als Vorstufe Apartments im gleichen Haus, sie sollten neben ganz normalen Übernachtungen auch Events oder Workshops beherbergen. 2011 nutzte SoundCloud die Apartments als Büro für ihr Community Team, denn die Eröffnung der Factory Berlin verzögerte sich und das Team platzte aus allen Nähten. Als dann im gleichen Jahr die letzte Etage im Haus frei wurde, war es ein logischer Schritt, den Bedürfnissen der Community zu folgen und direkt über dem Café einen Coworking Space mit Hot-Desking und Besprechungsraum anzubieten.

Gibt es eine kausale Verbindung zwischen Kaffee und Coworking?

Unbedingt! Und zwar eine viel Wichtigere als zwischen Bürokultur und Coworking. Eines der größten Missverständnisse in der Rezeption und Verständnisses von Coworking ist, dass es eben nicht aus der Bürokultur, sondern aus der Kaffeehauskultur geboren wurde. Schon immer zog es eher kreativ arbeitende andersdenkende Menschen in Kaffeehäuser, um dort zu arbeiten und Gleichgesinnte zu treffen, das ist kein neues Phänomen. Coworking ist ein Evolutionsschritt in dieser Tradition und vereint Elemente aus Cafés und Büros und dem privaten Lebensraum in einer perfekten halböffentlichen Symbiose.

"St. Oberholz" by Melanie Samat

„St. Oberholz“ by Melanie Samat, © 2012

Welche Veränderungen hast du beim Arbeiten im Café beobachten können?

Die eindringlichste und anschaulichste Veränderung spiegelt sich im Telefonverhalten unserer Gäste. Ging man vor einigen Jahren noch zum Telefonieren hinaus aus dem Café, um durch die Hintergrundgeräusche nicht den Eindruck erwecken zu wollen, gar nicht wirklich zu arbeiten, sondern in einem Café herumzusitzen, ist das heute gar kein Problem mehr. Im Gegenteil, man hat den Eindruck, dass die Gäste sich möglichst nah an der Kaffeemaschine aufhalten, damit die passenden Zisch- und Mahlgeräusche klarstellen, wo man ist und vermitteln, dass man selber unkonventionell und innovativ ist.

Was macht für dich eigentlich den Reiz an Coworking aus?

Coworking ist die Petrischale der Neuen Arbeit. In Coworking Spaces geht es um viel mehr als nur eine Modeerscheinung. Hier werden Grenzen der Zukunft der Arbeitswelt ausgelotet. Kollaboration, Serendipität und Selbstbestimmtheit füllen die Köpfe und Räume. Das macht für mich den Reiz aus! Orte zu erschaffen, an denen ich selber gerne arbeite. Orte, bei denen man nicht weiß, wohin die Entwicklung gehen wird. Das fasziniert mich und lässt mich meine Arbeit lieben.

Inwiefern ist Coworking Ausdruck von Neue Arbeit und nicht nur ein Trend?

Das Digitale und Coworking Spaces haben in den letzten Jahren der Idee der Neuen Arbeit Flügel verliehen. Nie war es so einfach und mit so wenig Investition verbunden, frei und selbstbestimmt zu arbeiten und Unternehmen zu gründen. Gerade die in Berlin bestehende Coworking-Landschaft ist der Beweis, dass es sich längst nicht mehr nur um einen Trend handelt. Anzahl, Größe und Vielfalt der Coworking Spaces hier sprechen für sich.

Welche Prinzipien sind deiner Meinung nach im Coworking maßgebend?

Leichte Zugänglichkeit, Authentizität und Community. Das fängt bei bezahlbaren Mitgliedschaften an und hört bei wertvollen Netzwerkeffekten auf. Gerade in letzter Zeit wird der Community-Aspekt immer wichtiger und auch mehr von Membern eingefordert. Denn Kollaboration und das damit einhergehende Vertrauen untereinander wird immer bedeutsamer und unabdingbarer in einer sich schneller verändernden Welt.

Wie haben Coworking Spaces und Startups eine Stadt wie Berlin beeinflusst?

Ich sehe Berlin selber als ein Startup an. Es gibt kaum einen anderen Ort, an dem realease early, release often und trial and error so exzessiv praktiziert wurde. Die heutige Gründerwelle und das damit verbundene Erblühen der Coworking-Szene ist das Ergebnis einer lange überfälligen Lösung für die Stadt, die seit dem Zweiten Weltkrieg kein funktionierendes Geschäftsmodell mehr hatte. Allerdings sollte Berlin aufpassen, dass es nicht im Lauf dieser Entwicklung und in dieser Euphorie die Wurzeln verrät, weshalb die Gründer und Entrepreneure überhaupt an diesen Ort kommen.

Wie bewertest du Coworking als ein eigenständiges Geschäftsmodell?

Kopräsenz im Café

Kopräsenz im Café, © 2017

Coworking alleine in Reinform ist als Geschäftsmodell schwierig. Es müssen die Komponenten Gastronomie, Event und Community Management professionell abgedeckt sein und auch als Einnahmequellen dienen, sonst bleibt der wirtschaftliche Erfolg aus. Und genau das sind auch die Herausforderungen für die Betreiber von Coworking Spaces.

Welche Rolle spielt deiner Meinung nach das Design in einem Coworking Space?

Design matters! Jeder, der schon mal an hässlichen dunklen Orten versucht hat, kreativ zu sein, weiß das. Leider sind immer viele der konventionellen Arbeitsstätten genauso. Wie ein Space designt ist, ist egal, aber es muss designt sein. Das kann sehr unaufwändig oder mit viel Investition verbunden sein. Aber es muss durchdacht und mit dem Herzen gestaltet sein. Dann springt der Funke über.

Wie sollte ein Coworking Space heutzutage strukturiert sein?

Für mich ist ein Coworking Space perfekt, wenn er mühelos und spielerisch gastronomische Elemente mit Büroelementen verbindet. Wenn es den Nutzern möglich ist, durch die verschiedenen Nutzungsarten zu gleiten und trotzdem Rückzugsorte geboten und Privatheit vermittelt werden.

Wie unterscheidet sich Coworking vom Vermieten von Büroflächen?

Ganz grundsätzlich dadurch, dass man im Coworking eine Mitgliedschaft erwirbt, ein Zugangs- oder besser Nutzungsrecht des gesamten Space und seiner Infrastruktur und nicht einen einzelnen Raum anmietet. Am ehesten ist das vielleicht vergleichbar mit der Nutzung von Spotify – mit dem Zugang zu sehr viel Musik versus eine CD kaufen. Zudem ist die Membership sehr flexibel kündbar, da kommt kein noch so kurz gestrickter Mietvertrag mit.

Warum zieht es immer mehr Unternehmen in Coworking Spaces?

Angst vor Disruption. Und die Frage: Wo findet eigentlich Innovation statt, wenn nicht mehr in den uns bekannten Strukturen? Und auch: Wo sitzen all die jungen Talente, die wir mit Geld nicht mehr zu uns locken können?

Welche Erfahrungen hast du bisher mit Corporates im St. Oberholz gemacht?

Alle großen Konzerne bauen eigene Innovation-Hubs auf, die meisten in Berlin. Eine andere Möglichkeit ist, sich mit einem Team in einem Coworking Space einzumieten, das machen immer mehr Unternehmen. Beispielsweise die BVG, um nur eines zu nennen, das mit ihrem Innovationsteam bei uns am Rosenthaler Platz sitzt und jüngst von dort eine App für Fahrradfahrer rausgebracht hat. Vermutlich wäre im eigenen Büro ein ganz anderes Produkt zustande gekommen.

Was können Corporates in Coworking Spaces lernen?

Für die meisten Corporates steht schon nur nach einer einfachen Führung durch das St. Oberholz fest, dass sie keinen Stein mehr auf dem anderen lassen wollen. Häufig sind sie wie durch ein Fieber gepackt und wollen vieles ändern in ihrem Unternehmen. Fragen und Fragezeichen entstehen. Dann den nächsten Schritt zu tun und wirklich in diese Welt einzutauchen, die eigene Komfortzone zu verlassen, wird dann zum elementaren Erleben, das hoffentlich soweit in die Konzerne strahlt, dass sich auch dort die Arbeitsbedingungen verändern. Was zu einem immer größeren Effekt wird, auch wenn nicht immer die korrekten Rückschlüsse gezogen werden. Zudem können Corporates ganz praktisch in Coworking Spaces mit Startups in Kontakt treten und kollaborieren.

Was ist deine Prognose für die Entwicklung von Coworking in den nächsten Jahren?

Trifft die oben genannte Entwicklung ein, werden Coworking Spaces – oder Strukturen, die dem Prinzip entsprechen, also Co-Strukturen – weiter aufblühen und immens wichtig sein. Konzepte wie Co-Living, Co-Kindergarten und Co-Krankenhaus könnten entstehen. Nutzungsrecht wird Besitz ablösen und Communities die Idee der geschlossenen Büros.

Wie wird sich das St. Oberholz durch diese Entwicklungen verändern?

Wie in all den Jahren davor werden wir versuchen, unsere Konzepte entlang den Bedürfnissen der Community und der Neuen Arbeit auszurichten und immer einen Schritt voraus zu sein, ohne zu überfordern. Vermutlich stehen wir noch ganz am Anfang von tiefgreifenden Veränderungen der Arbeitswelt und ich wünsche mir, dass das St. Oberholz im Auge des Sturms agieren wird.