Die Philosophie der Heterotopie von Michel Foucault ist der wohl wichtigste gedankliche Unterbau von sogenannten anderen Orten wie Coworking Spaces.


Das Analoge und das Digitale sind keine sich gegenseitig ausschließenden Sachverhalte, viel mehr beeinflussen sie sich gegenseitig, da sie sich entweder miteinander verbinden oder zumindest deckungsgleich zueinander verhalten.

Den globalen Durchbruch des Digitalen ermöglichte das sogenannte World Wide Web, der sichtbare Teil des Internets. Dabei handelt es sich um ein Netzwerk an miteinander verbundenen Inhalten.

Dies hatte Einfluss auf das Analoge, denn die seit der Erfindung des Buchdrucks voranschreitende Medienrevolution, verzeichnete dadurch, nach den Erfindungen des Radios und des Fernsehens, ein exponentielles Wachstum.

Heterotopie nach Michel Foucault

Die von dem französischen Philosophen Michel Foucault beschriebene Epoche des Simultanen wurde dadurch auch verständlicher in der Wahrnehmung:

Wir sind in der Epoche des Simultanen, wir sind in der Epoche der Juxtaposition, in der Epoche des Nahen und des Fernen, des Nebeneinander, des Auseinander. Wir sind, glaube ich, in einem Moment, wo sich die Welt weniger als ein großes sich durch die Zeit entwickelndes Leben erfährt. sondern eher als ein Netz, das seine Punkte verknüpft und sein Gewirr durchkreuzt.

Michel Foucault by Thierry Ehrmann, CC BY 2.0

„Michel Foucault“ von Thierry Ehrmann, CC BY 2.0

Parallel zum digitalen Web existiert ein analoges Netz im Raum. Michel Foucault deutete den Grund für dieses Gewirr als ein Ergebnis der verpassten Entsakralisierung des Raumes, so dass auch weiterhin Entgegensetzungen existieren, die wir als gegeben betrachten.

Wie beispielsweise „zwischen dem privaten Raum und dem öffentlichen Raum, zwischen dem Raum der Familie und dem gesellschaftlichen Raum, zwischen dem kulturellen Raum und dem nützlichen Raum, zwischen dem Raum der Freizeit und dem Raum der Arbeit“.

Diese Gedanken Foucaults führten zu seinen ordnungssystematischen Überlegungen in Bezug auf Räume, die er als Heterotopien bezeichnet. Dabei handelt es sich um „wirkliche Orte, (…) sozusagen Gegenplatzierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können“.

Der vierte Ort der Arbeit: Coworking Space

Das Berliner St. Oberholz war und ist so ein Ort außerhalb aller Orte, seitdem das Café im Juli 2005 am Rosenthaler Platz eröffnete. Von Beginn war es Teil der Philosophie des St. Oberholz, in Tradition der Wiener Kaffeehäuser und geprägt durch Foucaults Heterotopie, die Menschen hier frei entscheiden zu lassen, wie sie diesen offenen Raum nutzen wollen. Dem Zeitgeist entsprechend vermischte sich hier der Raum der Freizeit mit dem Raum der Arbeit.

Im Sommer 2005 sind weltweit, simultan zueinander und unabhängig voneinander, Orte wie das St. Oberholz entstanden. Am 9. August 2005 eröffnete mit dem Spiral Muse in San Francisco, das erste Coworking Space der Welt. Doch ob nun on Berlin oder San Francisco, es handelte sich dabei immer um Orte, die mit den gängigen Konventionen unterschiedlichster Bereiche brachen und Räume neu definierten.

Coworking Spaces werden als vierter Ort der Arbeit bezeichnet, indem die Vorteile der ersten drei Orte – Zuhause (Freiheit), Büro (Struktur) und Café (Community) – miteinander verbunden werden. Doch nicht die Infrastruktur definiert ein Coworking Space, sondern die Menschen an diesem Ort. Sie arbeiten hier, tauschen Informationen und Wissen aus, verwirklichen sich auf unterschiedlichste Weise selbst und partizipieren an dem Raum für die Community.

Coworking Spaces und Bibliotheken

Wie alle Heterotopien sind auch Coworking Spaces in ihrer jeweiligen gesellschaftliche Bedeutung nicht statisch, und unterliegen einem steten Wandel. Diese Orte diskursanalytisch vor dem Hintergrund gesellschaftlichen Wandels zu untersuchen, zeigt aufgrund ihres limitierten Geschäftsmodell eine Annäherung an die gesellschaftlich ähnlich bedeutsamen Bibliotheken, da so der Gegensatz zwischen privaten Orten und öffentlichen Orten aufgehoben wird.

In den Anfangstagen der Coworking Spaces orientierten diese sich oft an Bibliotheken, um zu lernen, wie offene Räume gestaltet werden. Inzwischen sind es die Bibliotheken, vor dem Hintergrund der Digitalisierung und des Medienwandels, die sich an Coworking Spaces orientieren. Denn sie sind die momentan personzentriertesten Orte, an denen die von Foucault erfassten Entgegensetzungen aufgehoben und verschiedene (Co-)Utopien entwickelt werden.

Coworking als ein Geschäftsmodell bedarf es deshalb nicht unbedingt, wenn es offene Räume gibt, in denen Coworking ermöglicht wird. Im Kern geht es darum, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen zusammen kommen und in dem sie frei und selbstbestimmt sind.