Coworking Spaces in Sibirien zeigen, dass es sich bei Coworking um keinen westlichen Trend der Arbeitswelt handelt, sondern um die Zukunft der Arbeit weltweit.


Im Sommer 2015 bin ich zusammen mit meiner Freundin in nur zwei Monaten mehr als 7.800 Kilometer durch Europa gereist. Dabei haben wir uns fast 30 Coworking Spaces zwischen Barcelona und Stockholm angeschaut. Dieser Reise hat unser Leben verändert und uns eine vollkommen neue Welt erschlossen. Seitdem beschäftigen wir uns sehr intensiv mit dem Thema Coworking. Ich selbst bin inzwischen sogar Coworking Manager des Berliner St. Oberholz geworden und mache eigentlich nichts Anderes mehr.

Anfang Juni 2016 habe ich alleine auf einer Reise fast genauso viele Kilometer zurückgelegt und nur zwei Coworking Spaces gesehen, aber auch das war ein spannender Trip. Von Berlin aus ging es über Moskau in die westsibirische Stadt Tjumen, wo ich an der zweiten Coworking-Konferenz Sibiriens teilnahm. Anlässlich des internationalen Festivals „Deutsche Tage in Tjumen 2016“ war ich vom gemeinnützigen „Verband der russisch-deutschen Zusammenarbeit“ eingeladen worden, um das St. Oberholz vorzustellen.

Berliner Flair in Tjumen

Das Festival, zu dem auch in Russland bekannte Coworking-Experten aus Moskau geladen waren, fand im lokalen Coworking Space Fabric Loft statt. Das Space ist in einer alten Holzfabrik angesiedelt, die noch nicht ganz erschlossen ist. Vor drei Jahren starteten hier einige Pioniere aus Tjumen die Fabric Bar, über die man sich auf Instagram einen sehr guten Eindruck machen kann. Seit Anfang des Jahres wird hier, mit einer sehr bunten Mischung aus den unterschiedlichsten Mitgliedern, Coworking praktiziert.

Hipster-Brause in Sibirien

Hipster-Brause in Sibirien, © 2016

Das Fabric Loft, mit seinem industriellen Charme, könnte so wie es ist, auch in den Berliner Bezirken Kreuzberg oder Neukölln stehen. Die Mitglieder des Coworking Spaces stellen eine ähnlich bunte Mischung dar, wie man sie aus Berlin kennt. Neben kleinen Unternehmen, die beispielsweise gebrauchte Kleidung umarbeiten und neu anbieten, oder individuelle Holzmöbel designen, arbeiteten hier auch Töpfer, Marketing-Experten, Musiker und Schmuckdesigner – von Wissensarbeitern bis Handwerkern war alles versammelt.

Während auf dem Podium der Moskauer Architekt Mihael Komarov einen Einblick in den russischen Coworking-Markt lieferte, den Wandel der Arbeit kommentierte und Alexander Kolodeznogo, Leiter eines städtischen Coworking Space in Moskau, diese Ausführungen ergänzte, fand parallel zur Konferenz ein kleines Fest auf dem Hof statt – mit Kaffee von „Traveler’s Coffee“ und Burgern von Brooklyn genannten Burger-Imbiss. Coworking, Kaffee und Burger – es war ganz wie in Berlin.

Coworking für die Zivilgesellschaft

Elmira Gibadulina, © 2016

Elmira Gibadulina, © 2016

Doch Coworking kann nicht nur die Arbeitswelt verändern, sondern auch die Gesellschaft. Was beispielsweise in ländlichen Regionen in Westeuropa nur diskutiert wird, staatlich finanziertes Coworking auf dem Land zur Entwicklung digitaler Regionen, wird in Tjumen schon praktiziert. Ein ehemaliges Informationsbüro für Jugendliche ist seit Anfang 2016 ein Coworking Space, das vom regionalen Jugendministerium finanziert wird. Dadurch ist ein nicht kommerzieller Ort entstanden, an dem etwas Neues entstehen kann.

Das übersetzt Mein Territorium genannte Coworking Space ist zugleich ein Veranstaltungsort, an dem sich Akteure und Gruppen der Zivilgesellschaft treffen und miteinander vernetzen können. Elmira Gibadulina arbeitet hier als Event Managerin und erklärte mir beim Rundgang durch das Coworking Space, welchen Einfluss das Coworking Space auf die lokale Zivilgesellschaft hat. Noch gibt es diesen Ort nicht sehr lange, aber Mein Territorium wird immer mehr zur zentralen Anlaufstelle für die Menschen in Tjumen, die etwas gestalten wollen. Und zum Arbeiten, denn das Coworking Space bietet sieben Tage die Woche Zugang zur Infrastruktur.

Die Konferenz an sich zeigte einmal wieder, wie international Coworking ist. Von den Referenten kam nicht anderes, als man auch auf Coworking-Konferenzen in San Francisco, Paris oder Stockholm hört. Dass das Fabric Loft wie Spaces aus Berlin oder Barcelona wirkte, fand ich aber nicht schlimm, denn es zeigt, dass Coworking Ausdruck einer globalen Veränderung der Arbeitswelt ist und kein Hype einer westlichen Elite, der vielleicht nur ihre Büros zu langweilig geworden sind. Es handelt sich um die Zukunft der Arbeit.